Samstag, 26. September 2009
Kyrsche
Kyrsche

Auf einem meiner Streifzüge durch die Provinz verschlug es mich eines heißen Sommertages in eine bedeutende oberfränkische Festspielstadt, deren Namen ich jedoch aus Gründen der Diskretion verschweige. Ich setzte mich an einen der sonnenbeschirmten Tische eines „Caffès“ und harrte der Bedienung, die da hoffentlich gleich kommen würde. Am Nebentisch saß eine Gruppe von Studenten oder studentenähnlichen Geschöpfen, die dem ansonsten geisterstadtleeren Marktplatz etwas Leben einhauchte. Schließlich kam die Bedienung. Zirka eins sechzig groß, wohlproportioniert und das Haar zu zwei Knoten geflochten. Mit unglaublich dynamisch rotierenden Hüften fegte sie auf mich zu und ergoss mit einem betörenden Lächeln ihre heiter strahlende Aura über mein lethargisches Gemüt. Während ich fasziniert die enorme Wirkung ihrer jugendlich kraftvollen Präsenz auskostete, bestellte ich ein schwarzes stimulierendes Heißgetränk mit Saccharose sowie eine Johannisbeersaftschorle.
„Johannisschorle können se leider nich haben“, flötete sie mit einer Stimme, die mich ein bisschen an ein Kind erinnerte, jedoch den Liebreiz ihrer gewinnenden Ausstrahlung schwungvoll unterstrich. Nachdem sie ihre im Stil von Kleopatra geschminkten Augen gen Himmel verdreht hatte, um von einer dort schwebenden illusionären Getränkekarte abzulesen, setzte sie ihren Singsang fort: „Wir haben Kyrscheee, ... Orannngeee, ... Maracuuuja ...“ Und während sie das „u“ in Maracuja dehnte, spitzte sie ihre Lippen so reizend, dass ich sie imaginär auf meinen spürte. Ich war einfach hingerissen. Von ihrem Akzent, ihrem Sprachrhythmus, ihrem mädchenhaft unschuldigen Gemüt, von ihrer ansteckend heiteren Ausstrahlung. Natürlich bestellte ich Kyrsche. Genauer gesagt Kyrschsaftschorle. Erstens, weil rot wie die Liebe und wie Johnnisbeersaftschorle. Und zweitens, weil man nach einem solch festspielreifen Auftritt gar nicht anders kann, als sich an dem Saft eines Liebessymbols zu berauschen. Von ihrem Wesen aufs Angenehmste narkotisiert, folgte ich ihr mit dem Blick, bis sie mit ihrer emsigen Dynamik ins Dunkel des juvenilen Caffès enthuschte. Dort, so spann ich es in meiner Phantasie fort, wurde sie von einer frauentypischen Geschäftigkeit gepackt, bei der sie 1364 ihrer täglichen Aufgaben gleichzeitig erledigte. Kurz gesagt: Sie verfiel in Multitasking, einen Zustand, der in mir stets ein ehrfürchtiges Staunen erregt, weil er mir so unzugänglich ist, wie beispielsweise einem Regenwurm das Dressurreiten.
Das Sahnehäubchen ihrer Bedienungskunst servierte sie mir am Ende meines Besuchs.
„Wie war denn der Kyrschsaft?“, circte sie beim Bezahlen. „Wie Johannisschorle?“
„Besser“, flunkerte ich.
Worauf sie glücklich wie ein Kind jubelte: „Juchuuu!“
Hach! Einfach süß.

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